1. Dezember 2011 vor dem "Hotel Silber": Lesung der Namen von Stuttgarterinnen und Stuttgartern, die am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert wurden
Die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen wollten mit dieser Veranstaltung im Vorfeld der zentralen Gedenkveranstaltung einen eigenen Beitrag leisten, indem sie die den Ort ins öffentliche Bewußtsein riefen, an dem diese und die folgenden Deportationen organisiert wurden, im „Judenreferat“ der Gestapozentrale im Hotel Silber.
Roland Maier, Mitautor des Buches Stuttgarter NS-Täter, sprach über die Organisation der Deportation in der Dorotheenstraße. Mitglieder der Stolperstein-Initiativen haben Namen ehemaliger Stuttgarterinnen und Stuttgarter vorgelesen, die am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert worden waren und für die inzwischen Stolpersteine verlegt wurden. Der Schauspieler Eberhard Boeck las exemplarisch biografische Skizzen von Deportierten. Die Veranstaltung wurde musikalisch eingerahmt durch den Freien Chor Stuttgart.
Zum Thema: "Belogen und in den Tod geschickt" von Dr. Helmut Rannacher (PDF-Download von der Webseite der IRGW)
Nachfolgend finden Sie die Veranstaltung zum Nachhören und eine kleine Bildergalerie.
Eröffnungslied des Freien Chors Stuttgart
Die Eröffnungsrede von Harald Stingele und der Vortrag von Roland Maier
Lesung der Namen, 1. Teil
Lesung der Namen 2. Teil und das Schlusswort von Harald Stingele
Über Larry Pick und 2 Lieder des Freien Chors Stuttgart
70. Jahrestag des Beginns der Deportation der Württemberger und Stuttgarter Juden

Zahlreiche Menschen waren zur zentralen Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der ersten Deportation an der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ in der Nähe des Stuttgarter Nordbahnhofs erschienen. Der eigentlich am Mahnmal im Höhenpark Killesberg geplante Auftakt der Veranstaltung mit anschließendem Gang zur Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ wurde seitens der Stadt Stuttgart aus Gründen der Verkehrssicherheit abgesagt.
In der Gedenkstätte, deren Gleisfeld in gleißendes Licht getaucht war, begrüßte Professor Roland Ostertag die Anwesenden und sprach über den Begriff Erinnerung sowie den langen Weg bis zur Einweihung der Gedenkstätte im Jahr 2006. „Erinnerungsarbeit bedarf einer festen Verortung“ und „Narben erzählen dabei mehr als glatte Haut“, so Ostertag. „Ich fordere Sie und mich auf sich den Erinnerungen zu stellen, Erinnerungsarbeit zu leisten, Wunden offen zu lassen, Gesicht zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen, zu Handeln gegen Gefährdungen, und etwas Wärme in unserer kalten Welt zu verbreiten.“
Nach einer Schweigeminute für die Opfer ergriff der israelische Generalkonsul Tibor Shalev Schlosser das Wort. Er sprach über die Menschen, die einst mit ihren Hoffnungen und Ängsten am Bahnsteig standen, vor ihrer Reise in die Hölle. „Was in diesem Dezember 1941 begann, endete 1945 mit der fast endgültigen Vernichtung der Stuttgarter und Württemberger Juden, sowie von sechs Millionen Juden insgesamt.“ Es kehrten nur sehr wenige zurück und vor ihnen standen große Aufgaben, während sie ihre Erinnerungen ständig verfolgten. Aber die Erinnerung sei heute, 70 Jahre später, wichtiger denn je. „Die Zeitzeugen der Shoah werden immer weniger, während gleichzeitig die Shoaleugner immer mutiger und lauter werden.“ Er plädierte dafür, Antisemitismus, Rassismus und Ignoranz tagtäglich zu bekämpfen.
Als nächster Redner sprach Minister Dr. Nils Schmid (SPD). Wie das Geschehene beschreiben? „Da wirken Worte etwas schal.“, so Schmid. "Wir können zwar Vergangenheit nicht mehr ändern, wir können sie nicht einmal bewältigen, doch wir können ihrer erinnern. Und ohne Erinnerung wäre auch eine Versöhnung nicht möglich.“ Weiter zitierte er eine jüdische Weisheit: „Das Vergessen wollen verlängert das Exil, das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Und weiter: “Dieser Satz zeigt, dass Erinnerung sich nicht nur auf die Vergangenheit bezieht. Sie ist ein Mahnmal in uns selbst, ein Wegweiser für die Zukunft“. Wie wichtig es ist die Erinnerung wach zuhalten werde beim Blick auf die Nachrichten wieder schmerzlich bewusst. „Es ist unerträglich, dass auch heute noch Nazis ungestört über Jahre hinweg töten konnten, was sie für lebensunwert hielten. Wir können nicht mehr ungeschehen machen was vor 70 Jahren geschah, aber wir können verhindern dass so etwas in neuem Gewand, in Deutschland oder anderswo auf der Welt, wieder geschieht. Daran mahnt uns die Erinnerung in diesem historischen Ort.“ Schmid erinnerte an die über 2.500 Deportierten, von denen jeder einen eigenen Namen, eine eigene Geschichte und einen eigenen Traum. „Vor ihnen verneigen wir uns.“

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster erinnerte daran dass dies ein Ort sei, der in Stuttgart für die Schrecken der Vergangenheit steht.
12 Deportationszüge gingen von hier auf Fahrt in einen grauenhaften Tod. "Mitten unter uns wurden Bürgerinnen und Bürger in den Tod geschickt weil sie anders waren, weil sie jüdischen Glaubens waren." Und weiter: "Uns beschämt heute noch, welche unsagbare Gräuel von Deutschen verübt wurden. „Die Shoah war ein Zivilisationsbruch. Dafür trägt Deutschland für immer die Verantwortung." Mitwirkung daran, dass ein solches Unrecht, eine solche Unmenschlichkeit nie wieder geschehen kann. Aus der Verantwortung heraus müsse alles getan werden, damit so etwas nicht mehr möglich wird.
„Diese Aufgabe müssen wir an die nächste Generationen vermitteln. Dafür brauchen wir Orte und darum bin ich auch der Landesregierung, Herrn Dr. Schmid, dankbar, dass Teile des Gebäudes „Hotel Silber“ als Gedenkort aber auch als Lernort für Schüler und Jugendliche gestaltet werden.“
Wichtig sei die Frage zu beantworten, warum und wie dieser Naziterror in einem kultivierten und zivilisierten Deutschland möglich und zu vermitteln, warum sich Jugendliche und Schüler aktiv für Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einsetzen sollen. Schuster drückte seine Freude über eine aktive jüdische Gemeinde in der Stadt aus, in der auch zahlreiche Namen und Straßen erinnern an jüdische Mitbürger erinnern. Zudem erwähnte er beispielhaft die Otto-Hirsch-Medaille und das Stolpersteinprojekt. Zum Ende seiner Rede zitierte OB Schuster Noah Flug: „Die Erinnerung ist wie Wasser. Sie ist lebensnotwendig und sucht sich ihre eigenen Wege in neuem Raum und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret. Sie bringt Gesichter und Orte zurück, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum.“
Nachfolgend las Barbara Staudacher einen Brief von Hannelore Marx, geb. Kahn. Die 89-jährige lebt heute in New York.
Die nachfolgenden Reden und Beiträge liegen als Audiodateien, teilweise leider in schlechter Qualität, vor.













